Crowdinvesting als alternative Anlageklasse
Dabei hat es mal so gut angefangen. Als ich mich Anfang 2014 zum ersten Mal mit dem Thema Investieren beschäftigt hatte, war ich weit weg von Aktien und Immobilien. Für Immobilien fehlte mir schlichtweg das Eigenkapital und die Bonität. Für Investitionen in Aktien fehlte mir leider noch der Zugang. Die Informationen im Internet zu dem Thema waren damals noch überschaubar und irgendwie bin ich vorher auf das Thema Crowdinvesting gestoßen, im speziellen auf die Plattform von Seedmatch.
Und es klang ja auch vielversprechend: Man investiert in eine sehr junge und innovative Firma und beteiligt sich an dieser anteilig. Damals hatte ich (zum Glück) noch wenig Kapital und das Problem daran, wenn man mit wenig Kapital viel Geld verdienen will, ist, dass man versucht eine möglichst hohe Rendite zu machen. Dabei vergisst man oft, dass die Rendite mit dem Risiko Hand in Hand geht. Und so blendet man die Risiken aus. Unter anderem besteht ein hohes Risiko bei Start-Ups, dass sie pleitegehen, bevor sie profitabel werden. Die Idee kann gut sein. Dennoch muss es kein Garant dafür sein, dass die Firma in 10 Jahren noch existiert.
Bei Seedmatch bestand die Möglichkeit sich ab einem Betrag von 250€ pro Investment zu beteiligen. Damit kann man bereits eine sinnvolle Diversifikation betreiben. So habe ich mich damals, also im Jahr 2014, an 8 Unternehmen beteiligt und dafür 2000€ investiert.
Durch die Beteiligungsform benachteiligt
Die Beteiligungsform der Investments ist das sogenannte „partiarische Darlehen“ und ist laut Definition ein Kredit, wobei nicht ein festgelegter Zins, sondern eine Umsatz- oder Gewinnbeteiligung im Vordergrund steht.
Diese Beteiligungsform sehe ich inzwischen sehr kritisch, da sie eine Mischform von Eigenkapital- und Fremdkapitalbeteiligung ist und in meinen Augen die Nachteile beider Beteiligungsformen bündelt. Es ist im Grund genommen kein Kauf von Anteilen einer Firma. Man ist also nicht direkt beteiligt. Sondern in erster Linie ist das Darlehen ein Kredit. Gleichzeitig handelt es sich dabei aber um ein nachrangiges Darlehen, sodass man den Vorteil verliert, den man als Fremdkapitalgeber hat: und zwar, dass im Falle einer Insolvenz zunächst die Gläubiger, also die Fremdkapitalgeber aus der Insolvenzmasse bedient werden.
Beim partiarischen Darlehen ist man also ein Fremdkapitalgeber, der aber wie ein Gesellschafter im Fall einer Insolvenz mit hoher Wahrscheinlichkeit leer ausgeht.
Investitionen mit mäßigem Erfolg
Während der 10 Jahre haben sich mehrere meiner Acht Start-Ups von der Bühne verabschiedet.
Zwei von Ihnen (paymey und fraisr) haben sich relativ schnell als Fehlinvestitionen entpuppt.
Zwei laufen noch (OvulaRing und KERNenergie). Mit unterschiedlichem Erfolg.
Ein einziges wurde bisher erfolgreich ausgezahlt (allbranded). Dabei mit ca. 100% Gewinn.
Drei weitere waren vielversprechend, haben aber die schwächen der Verträge und die Nachteile der Beteiligungsform ausgenutzt, um die Crowd abzuschütteln (Protonet, Ledora, Geile Weine).
Wie funktioniert das Abschütteln der Crowdinvestoren? Im Investmentvertrag wird eine Beteiligung im EXIT-Fall definiert. Das heißt, wenn die Firma verkauft wird, bekommt der Investor seine Anteile entsprechend der Gesamtbewertung des Unternehmens ausgezahlt. Wenn das Unternehmen aber nicht im Ganzen verkauft (share deal) wird, sondern nur das operative Geschäft (asset deal), dann kann man schon nicht mehr über einen richtigen EXIT sprechen. Die Investoren bleiben an einer leeren Hülle, also dem alten Unternehmen ohne Assets, beteiligt, während das Geschäft unter einer anderen Firma weiterläuft.
Während Protonet und Ledora diesen Trick angewandt haben als sie noch schwache Umsätze und miserable Wachstumsraten präsentierten, hat Geile Weine diesen Schritt nach 10 Jahren gewagt. Wobei das Unternehmen während der gesamten Laufzeit durch fehlende Kommunikation und durch die Verletzung der vertraglichen Pflichten zur Vorlage von Quartalsergebnissen und Jahresabschlüssen deutlich gezeigt hat, was es von der Crowd hält: „Danke für das Geld, aber jetzt nervt ihr nur noch!“
Insolvenz als Mittel der Wahl
Daher wundert es nicht, dass es bei Geile Weine letztendlich doch nicht zu einer erfolgreichen Auszahlung gekommen ist, obwohl sich die Umsätze über die Jahre sehr gut entwickelt haben. Während im ersten Quartal 2014 noch 31 T€ in den Büchern standen, hat die Firma im ersten Halbjahr 2021 bereits ca. 2 Mio. € umgesetzt. Ich weiß, die Zahlen sind weder aktuell, noch sind sie vergleichbar, aber das ist eben das letzte Update, das die Investoren bekommen haben und die Qualität der Berichte lässt einen besseren Vergleich leider nicht zu. („Geile Weine“ heißt übrigens die Marke. Die Firma dahinter heißt KA-18 GmbH)
10 Jahre haben die Investoren über die schlechte Kommunikation hinweggesehen und gehofft, dass die Firma sich weiterhin gut entwickelt. Und der Umsatz entwickelte sich tatsächlich gut. Nach meinen Schätzungen wäre das Start-Up heute das 8- bzw. 10-fache Wert.
Doch am 16.02.2024 kam die Mitteilung vom Geschäftsführer von Geile Weine (ein seltenes Lebenszeichen):
„Die KA-18 GmbH versucht seit über einem Jahr das operative Geschäft von GEILE WEINE an einen neuen Investor zu verkaufen. […]
Gespräche mit neuen Investoren verliefen zunächst sehr vielversprechend und es zeichnete sich eine Lösung mit einem neuen Investor ab, der sowohl neues Wachstumskapital als auch die Geschäftsanteile unseres Hauptgesellschafters übernommen hätte.
Ein erfolgreicher Abschluss der Verhandlungen setzte aber voraus, dass Einigkeit unter den Gesellschaftern herrschen musste, um die entsprechend notwendigen Mehrheiten bei den Gesellschafterversammlungen – und Beschlüssen zu erlangen.
Leider muss ich mitteilen, dass auch nach vielen Versuchen keine einheitliche Entscheidung herbeigeführt werden konnte und dementsprechend die Verhandlungen zum Verkauf der Geschäftsanteile gescheitert sind. Dies hat nun zur Folge, dass voraussichtlich zum 01.03.2024 das Insolvenzverfahren über das Vermögen der KA-18 GmbH eröffnet wird. Einen entsprechenden Antrag haben wir bereits gestellt.
Wir bedanken uns für die jahrelange Unterstützung und sind sehr traurig, dass wir keine andere Lösung finden konnten.“
In diesem Brief kein Wort von einer Übereinkunft mit einem Investor.
Gleichzeitig erschien am selben Tag dieser Artikel, in dem angekündigt wird, dass Geile Weine übernommen wird.
https://www.meininger.de/wein/handel/schloss-wachenheim-uebernimmt-geile-weine
Der letzte Absatz geht wie folgt:
„2016 war nach einem gescheiterten Crowd Funding mit der Familie Willkomm ebenfalls ein großer Name der deutschen Weinbranche als Gesellschafter bei Geile Weine eingestiegen. Nun hat die Schloss-Wachenheim-Gruppe in Form eines Asset-Deals über Rindchen’s Weinkontor GmbH & Co. KG 100 Prozent der neuen GW Weintrend GmbH i.Gr übernommen.“
An dieser Stelle wird nicht erwähnt, dass vor der gescheiterten Crowdfunding Kampagne 2016 eine bereits erfolgreiche Finanzierung über die Crowd 2014 stattfand. Dabei wurden von 296 Kleininvestoren insgesamt 200.000€ eingesammelt. Ebenfalls wird hier nicht erwähnt, dass es sich nicht um einen klassischen Asset Deal, sondern um einen Kauf aus der Insolvenz heraus handelt.
Im Schreiben an die Investoren wird also der Kauf durch die GW Weintrend GmbH i.G. nicht erwähnt und im verlinkten Artikel wird mit keinem Wort die Insolvenz von Geile Weine erwähnt.
Der Sachverhalt wird auf beiden Wegen so präsentiert wie es gerade für den Kreis der Empfänger passt. Das erweckt den Anschein, dass es sich dabei um Absicht handelt.
Mein Fazit zum Vorgehen von Geile Weine
- Welchen Grund sollte es für den einen Gesellschafter geben, dem Verkauf nicht zuzustimmen, wenn er doch weiß, dass ohne seine Zustimmung das Unternehmen in die Insolvenz gehen würde und seine Gesellschafteranteile damit wertlos werden würden? Selbst ein Verkauf zu schlechten Konditionen wäre doch in seiner Situation sinnvoller. Die Begründung macht demzufolge keinen Sinn. Es würde nicht wundern, wenn die Gesellschafter an der neu gegründeten GW Weintrend GmbH i.G. in irgendeiner Form beteiligt wären. Somit hätte die Insolvenz nur für die Crowd, jedoch nicht für die Gesellschafter, einen Totalverlust zur Folge.
- Die Gesellschafter hätten das Unternehmen an den gleichen Investor verkaufen können. Weil sie sich nicht einigen konnten, bekommt der Investor das Unternehmen für einen Bruchteil vom Kaufpreis. Das Geschäft läuft weiter wie gewohnt. Nur die Crowd geht leer aus. Damit haben die Gesellschafter nicht im Interesse der Investoren gehandelt und sind mit dem Geld der Investoren verantwortungslos umgegangen.
- Die Kommunikation von Geile Weine gegenüber der Crowd war über die Jahre konstant sehr schlecht. Auch die Pflichten zur Veröffentlichung der Quartalsergebnisse und der Jahresabschlüsse wurde regelmäßig missachtet. Der letzte Schritt der Gesellschafter, das Unternehmen in die Insolvenz zu führen und dann aus der Insolvenz herauskaufen zu lassen unterstreicht, wie wenig sie von Anfang an von den Crowdinvestoren gehalten haben. Die Crowd war für die Gesellschafter immer eine Art Belastung – außer beim Einsammeln des Kapitals.
- Welche Daseinsberechtigung hat das Crowdinvesting überhaupt noch, wenn es doch so einfach ist, die Investoren und ihre berechtigten Ansprüche zu umgehen? Entweder ein Unternehmen geht insolvent und der Investor muss seine Investition abschreiben oder das Unternehmen entwickelt sich gut und nach 10 Jahren folgt ein Asset Deal aus der Insolvenz heraus, sodass die Investoren trotzdem leer ausgehen. Und ja, Geile Weine hat sich beim Umsatz gut entwickelt! Dass das Unternehmen (noch) nicht profitabel war, ist kein Beweis dafür, dass es eine schlechte Investition darstellte. Crowdinvesting ohne Aussicht auf Rendite ist und bleibt einfaches Crowdfunding und ist damit keine Investitionsmöglichkeit, sondern eine Form von Startup-Förderprogramm auf Spendenbasis. In der Vergangenheit gab es bereits mehrfach solche „Deals“, sodass die Investoren am Ende an einer leeren Hülle beteiligt blieben (Ledora, Protonet usw.).
Was ich mir von diesem Artikel erhoffe
Meine Investition betrug 250€ im Jahr 2014. Die sind weg. Das ist eine Summe, die ich verkraften kann und das tut mir nicht weh. Es gibt aber Investoren, die mehr gegeben haben und in der Gesamtsumme sind es eben 200.000€, die die Crowd in das Unternehmen investiert hat. Das ist schon eine Hausnummer. Mit diesem Artikel werde ich den Prozess nicht mehr rückgängig machen können. Das Insolvenzverfahren wird ergeben, dass für die Crowd nichts mehr übrig ist. Alles legal und rechtens.
Aber ich möchte private Investoren zum Nachdenken anregen, ob die Beteiligungsform über die Crowd in der Zukunft für sie überhaupt Sinn macht. Für mich kommt es nicht mehr in Frage, denn es gleicht einem reinen Glückspiel. Auch wenn das Unternehmen erfolgreich wird, bedeutet es noch lange nicht, dass die Crowd eine Rendite einfährt. Das hängt allein vom guten Willen des Unternehmens ab. Und das ist für mich keine nachhaltige oder gar planbare Investition.
OneCrowd selbst hat sich bemüht und ein Webinar für die Investoren organisiert. Ich finde, das war ein positives Zeichen. Es war jedoch nicht sehr hilfreich. Ein Gespräch mit dem Team von Geile Weine hätte deutlich mehr gebracht. Aber die Gesellschafter von Geile Weine haben sich stattdessen mit einem kurzen Statement verabschiedet:
„Wir bedanken uns für die jahrelange Unterstützung und sind sehr traurig, dass wir keine andere Lösung finden konnten.
Vielen Dank und herzliche Grüße“
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